FÜHRUNG

Führungskraft und trotzdem ständig im Tagesgeschäft?

Eigentlich sollen Führungskräfte Orientierung geben, Entscheidungen vorbereiten, Mitarbeiter entwickeln und den eigenen Bereich weiterentwickeln.

In der Praxis sieht es oft anders aus.

Der Tag besteht aus Rückfragen, kleinen Problemen, Freigaben und operativen Aufgaben. Für Führung bleibt am Ende kaum Zeit.

DARUM GEHT ES

Wenn eine Führungskraft dauerhaft fast ausschließlich im Tagesgeschäft arbeitet, ist das nicht automatisch ein persönliches Zeitmanagementproblem.

Häufig zeigt sich darin etwas Grundsätzlicheres.

Verantwortlichkeiten sind unklar, Entscheidungen laufen über zu wenige Personen, Mitarbeiter besitzen zu wenig Handlungsspielraum oder Prozesse erzeugen ständig neue Rückfragen.

Dann hilft es wenig, den Kalender noch besser zu organisieren.

01

Zu viele Entscheidungen laufen über eine Person

In kleinen Teams ist es oft sinnvoll, dass viele Entscheidungen bei einer Person zusammenlaufen.

Das funktioniert schnell und unkompliziert.

Mit zunehmender Größe verändert sich die Situation.

Mehr Mitarbeiter, mehr Kunden, mehr Aufgaben und mehr Schnittstellen erzeugen automatisch mehr Entscheidungen.

Wenn die Entscheidungsstruktur aber dieselbe bleibt, wird die Führungskraft zum Flaschenhals.

Plötzlich warten mehrere Menschen gleichzeitig auf Freigaben, Rückmeldungen oder Entscheidungen.

Typisches Warnsignal: Der Arbeitstag besteht zunehmend daraus, Fragen zu beantworten, die andere grundsätzlich auch selbst entscheiden könnten.

02

Delegiert werden Aufgaben, aber keine Verantwortung

Delegieren bedeutet nicht nur, Arbeit weiterzugeben.

Wenn ein Mitarbeiter eine Aufgabe übernimmt, für jede Entscheidung aber erneut zur Führungskraft zurückkommen muss, bleibt die Verantwortung faktisch oben.

Das entlastet die Führungskraft kaum.

Echte Delegation braucht deshalb drei Dinge:

ein klares Ergebnis, einen definierten Handlungsspielraum und Klarheit darüber, wann Rücksprache wirklich notwendig ist.

Fehlt einer dieser Punkte, entsteht schnell eine scheinbare Delegation.

Die Arbeit liegt beim Mitarbeiter, die Entscheidungen weiterhin bei der Führungskraft.

AUS DER PRAXIS

Wenn jede Entscheidung wieder auf dem gleichen Schreibtisch landet

Eine Führungskraft leitet ein Team mit zwölf Mitarbeitern.

Auf dem Papier sind Aufgaben klar verteilt.

Trotzdem erreichen sie jeden Tag Fragen wie:

„Kann ich das so machen?“

„Darf ich dem Kunden das zusagen?“

„Soll ich zuerst A oder B erledigen?“

„Kann ich den Ablauf ändern?“

Die Führungskraft erlebt das irgendwann als mangelnde Selbstständigkeit.

Beim genaueren Blick zeigt sich aber: In der Vergangenheit wurden Entscheidungen häufig nachträglich korrigiert und für viele Themen gab es keine klaren Entscheidungsgrenzen.

Die Mitarbeiter haben deshalb gelernt, lieber vorher zu fragen.

Nicht mehr Zeitmanagement war hier die Lösung, sondern klarere Verantwortung.

03

Rollen und Zuständigkeiten sind nicht klar genug

Viele Rückfragen entstehen nicht, weil Mitarbeiter grundsätzlich unsicher sind.

Sie entstehen, weil nicht eindeutig ist, wer für ein Thema verantwortlich ist.

Wenn zwei Bereiche an derselben Aufgabe beteiligt sind, aber niemand genau weiß, wer entscheidet, wandert das Thema schnell zur Führungskraft.

Das Gleiche passiert bei Schnittstellen.

Je unklarer Verantwortlichkeiten zwischen Teams oder Funktionen sind, desto häufiger wird Führung zur ständigen Klärungsstelle.

DER ENTSCHEIDENDE UNTERSCHIED

Beschäftigt sein ist nicht dasselbe wie führen.

Eine Führungskraft kann zwölf Stunden arbeiten und trotzdem kaum Zeit mit Führung verbringen.

Operative Probleme zu lösen fühlt sich produktiv an, weil das Ergebnis sofort sichtbar ist.

Führungsarbeit wirkt häufig weniger unmittelbar.

Mitarbeiter entwickeln, Verantwortlichkeiten klären, Strukturen verbessern oder zukünftige Probleme verhindern erzeugt nicht immer sofort ein sichtbares Ergebnis.

Langfristig entscheidet aber genau diese Arbeit darüber, wie abhängig ein Team von seiner Führungskraft bleibt.

04

Führungskräfte lösen Probleme schneller selbst

Wer fachlich stark ist, kennt viele Antworten.

Genau das kann zur Falle werden.

Ein Mitarbeiter kommt mit einem Problem. Die Führungskraft erkennt sofort die Lösung und erklärt, was zu tun ist.

Kurzfristig spart das Zeit.

Langfristig führt es dazu, dass Mitarbeiter mit ähnlichen Problemen erneut zurückkommen.

Die Führungskraft bleibt die wichtigste Problemlösungsinstanz im Team.

Ein anderer Weg wäre, zunächst zu fragen:

„Wie würdest du das lösen?“

Damit dauert das Gespräch vielleicht zwei Minuten länger.

Aber genau diese zwei Minuten können langfristig viele weitere Rückfragen verhindern.

05

Prozesse erzeugen ständig neue Rückfragen

Nicht jede operative Überlastung ist ein Führungsproblem.

Manchmal liegt die Ursache im Prozess.

Wenn Mitarbeiter für denselben Vorgang regelmäßig Sonderentscheidungen brauchen, Informationen an mehreren Stellen fehlen oder Zuständigkeiten ständig wechseln, entstehen automatisch Rückfragen.

Dann sollte nicht jede einzelne Rückfrage beantwortet werden.

Die bessere Frage lautet:

Warum entsteht diese Rückfrage überhaupt immer wieder?

Wiederkehrende Probleme sind häufig Hinweise auf wiederkehrende strukturelle Ursachen.

Hilfreiche Beobachtung: Wenn dieselbe Frage in ähnlicher Form jede Woche wiederkommt, lohnt sich meist ein Blick auf den Ablauf und nicht nur auf die einzelne Situation.

06

Operative Arbeit verdrängt wichtige Führungsaufgaben

Das Gefährliche am Tagesgeschäft ist nicht, dass Führungskräfte operativ mitarbeiten.

Das kann in vielen Situationen sinnvoll und notwendig sein.

Problematisch wird es, wenn operative Aufgaben dauerhaft alles andere verdrängen.

Mitarbeitergespräche werden verschoben.

Prozessverbesserungen warten.

Konflikte werden nur kurzfristig beruhigt.

Strategische Fragen bleiben liegen.

Entwicklung findet nur noch statt, wenn zufällig Zeit übrig ist.

Dann reagiert Führung hauptsächlich auf das, was heute passiert, statt Bedingungen dafür zu schaffen, dass morgen weniger Probleme entstehen.

KURZER SELBSTCHECK

Wie viel Ihrer Arbeitszeit ist wirklich Führungsarbeit?

Treffe ich regelmäßig Entscheidungen, die Mitarbeiter selbst treffen könnten?
Erhalte ich dieselben oder ähnliche Rückfragen immer wieder?
Sind Verantwortlichkeiten und Entscheidungsgrenzen eindeutig?
Löse ich Probleme häufig selbst, weil es schneller geht?
Werden Mitarbeitergespräche und Entwicklungsthemen regelmäßig verschoben?
Habe ich feste Zeit für Führung und Verbesserung oder nur für operative Aufgaben?

FAZIT

Mehr Zeit für Führung entsteht nicht nur im Kalender.

Natürlich kann gutes Zeitmanagement helfen.

Wenn eine Führungskraft aber dauerhaft im Tagesgeschäft feststeckt, lohnt sich ein Blick hinter den Kalender.

Welche Entscheidungen könnten an anderer Stelle getroffen werden?

Sind Verantwortlichkeiten klar?

Wo entstehen unnötige Rückfragen?

Welche Probleme wiederholen sich ständig?

Und welche Aufgaben übernimmt die Führungskraft aus Gewohnheit selbst?

Führung wird nicht dadurch wirksamer, dass eine Person noch mehr schafft.

Sie wird wirksamer, wenn ein Team zunehmend in der Lage ist, auch ohne permanente Eingriffe der Führungskraft gut zu arbeiten.

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