DIGITALISIERUNG

Erst den Prozess verstehen, dann Software kaufen

Neue Software verspricht schnellere Abläufe, weniger Aufwand und bessere Zusammenarbeit.

Doch ein digitales Werkzeug verbessert nicht automatisch einen schlechten Prozess.

Wer Digitalisierung mit der Auswahl einer Software beginnt, riskiert deshalb, bestehende Probleme lediglich digital abzubilden.

DARUM GEHT ES

Digitalisierung beginnt nicht mit Software.

Sie beginnt mit der Frage, wie Arbeit heute tatsächlich abläuft.

Wer macht was?

Welche Informationen werden benötigt?

Wo entstehen Wartezeiten?

Welche Schritte sind doppelt?

Wo werden Daten mehrfach eingegeben?

Und welche Ausnahmen treten im Arbeitsalltag regelmäßig auf?

Erst wenn diese Zusammenhänge verstanden sind, lässt sich sinnvoll entscheiden, welche Technologie den Prozess wirklich unterstützt.

01

Software löst keine unklaren Abläufe

Ein Unternehmen möchte einen Prozess digitalisieren.

Die bisherige Lösung besteht aus E-Mails, Excel-Listen, persönlichen Absprachen und mehreren Freigaben.

Der erste Impuls lautet häufig:

„Wir brauchen dafür ein neues System.“

Doch bevor über Software gesprochen wird, sollte eine andere Frage beantwortet werden:

Warum funktioniert der heutige Ablauf so, wie er funktioniert?

Vielleicht existieren drei Freigabeschritte, weil früher niemand klare Entscheidungsbefugnisse hatte.

Vielleicht werden Daten mehrfach erfasst, weil verschiedene Bereiche mit unterschiedlichen Informationen arbeiten.

Vielleicht entstehen viele E-Mails, weil der Status eines Vorgangs sonst für niemanden sichtbar ist.

Software kann diese Probleme unterstützen zu lösen.

Aber sie kann nicht entscheiden, welcher Prozess sinnvoll ist.

Die zentrale Frage lautet nicht: Welche Software brauchen wir? Sondern: Wie sollte der Prozess künftig funktionieren und wo kann Technik sinnvoll unterstützen?

02

Ein schlechter Prozess wird digital nur schneller schlecht

Digitalisierung kann Prozesse schneller machen.

Genau darin liegt auch ein Risiko.

Wenn unnötige Schritte automatisiert werden, laufen sie anschließend möglicherweise effizienter, bleiben aber trotzdem unnötig.

Eine doppelte Dateneingabe wird nicht sinnvoller, nur weil sie jetzt in zwei digitalen Systemen stattfindet.

Eine unnötige Freigabe wird nicht besser, weil sie per Klick erfolgt.

Und ein unklarer Entscheidungsweg bleibt unklar, selbst wenn eine Software ihn technisch abbildet.

Vor einer Automatisierung lohnt sich deshalb immer die Frage:

Welche Schritte brauchen wir überhaupt noch?

AUS DER PRAXIS

Das neue System war nicht das Problem. Der alte Prozess war es.

Ein Unternehmen führt eine neue Software für interne Anfragen ein.

Ziel ist, E-Mails zu reduzieren und Bearbeitungszeiten zu verkürzen.

Nach einigen Wochen sind die Mitarbeiter unzufrieden.

Anfragen werden zwar jetzt digital erfasst, müssen aber weiterhin von mehreren Personen geprüft werden. Informationen fehlen regelmäßig und bei Ausnahmen beginnt zusätzlich die Abstimmung per E-Mail.

Der erste Eindruck lautet:

„Die Software funktioniert nicht.“

Bei genauerer Betrachtung zeigt sich jedoch:

Die Software bildet ziemlich genau den Prozess ab, der vorher bereits Probleme verursacht hat.

Erst nachdem Zuständigkeiten, notwendige Informationen und Freigaben neu betrachtet wurden, konnte auch das System sinnvoll eingerichtet werden.

03

Mitarbeiter kennen die Realität des Prozesses

Prozesse sehen in einer Beschreibung häufig sauberer aus als im tatsächlichen Arbeitsalltag.

Auf dem Papier folgt Schritt B auf Schritt A.

In der Praxis fehlt aber manchmal eine Information.

Ein Kunde liefert Daten anders.

Ein Kollege ist nicht erreichbar.

Eine Ausnahme muss berücksichtigt werden.

Genau diese Realität kennen die Menschen, die täglich mit dem Prozess arbeiten.

Wer sie erst einbezieht, nachdem eine Software ausgewählt und konfiguriert wurde, entdeckt wichtige Anforderungen möglicherweise zu spät.

Beteiligung bedeutet dabei nicht, dass jeder Mitarbeiter über die Software entscheidet.

Sie bedeutet, das Wissen aus der Praxis früh genug zu nutzen.

DIGITALISIERUNG

Technologie sollte Arbeit unterstützen. Nicht umgekehrt.

Wenn Mitarbeiter ihre Arbeit hauptsächlich danach ausrichten müssen, wie eine Software aufgebaut ist, lohnt sich ein genauer Blick.

Natürlich setzt jedes System Grenzen.

Aber die entscheidende Frage bleibt:

Passt die technische Lösung ausreichend gut zu dem Prozess, den das Unternehmen wirklich braucht?

Oder wurde der Prozess verändert, nur damit er in eine bereits ausgewählte Software passt?

Digitalisierung sollte nicht darin bestehen, Menschen an Technik anzupassen.

Sie sollte Technik dort einsetzen, wo sie Menschen und Prozesse sinnvoll unterstützt.

04

Anforderungen sollten aus der Arbeit entstehen

Softwareprojekte beginnen häufig mit langen Funktionslisten.

Das System soll dies können.

Und das.

Und außerdem noch diese Funktion besitzen.

Doch Funktionen allein sagen wenig darüber aus, ob eine Lösung im Alltag wirklich hilfreich ist.

Sinnvoller ist es, Anforderungen aus konkreten Arbeitssituationen abzuleiten.

Welche Information braucht ein Mitarbeiter an welchem Punkt?

Welche Entscheidung muss getroffen werden?

Wer muss den aktuellen Status sehen?

Welche Daten dürfen nur einmal erfasst werden?

Wo muss ein Vorgang flexibel bleiben?

Aus diesen Fragen entsteht ein klareres Bild davon, was eine Software tatsächlich leisten muss.

05

Nicht jede Ausnahme braucht eine technische Lösung

Unternehmen möchten häufig jede denkbare Situation in einem System abbilden.

Dadurch werden Softwarelösungen schnell komplex.

Für seltene Ausnahmefälle entstehen zusätzliche Felder, Freigabelogiken und Sonderwege.

Die Frage sollte deshalb nicht nur lauten:

„Kann das System diesen Fall abbilden?“

Sondern auch:

„Wie häufig tritt dieser Fall überhaupt auf und lohnt sich dafür zusätzliche Komplexität?“

Manche Ausnahmen lassen sich besser bewusst außerhalb eines Standardprozesses behandeln.

Ein guter digitaler Prozess muss nicht jede theoretisch mögliche Situation automatisieren.

Einfachheit ist ebenfalls eine Anforderung. Je mehr Sonderfälle technisch abgebildet werden, desto schwieriger wird häufig die Nutzung für alle anderen.

06

Digitalisierung verändert auch Verantwortung und Zusammenarbeit

Neue Software verändert selten nur einen technischen Ablauf.

Informationen werden plötzlich für andere sichtbar.

Entscheidungen können an anderer Stelle getroffen werden.

Aufgaben, die früher bei einer Person lagen, lassen sich verteilen.

Einige Tätigkeiten fallen weg.

Andere entstehen neu.

Deshalb ist Digitalisierung immer auch Organisationsentwicklung.

Wenn sich Technik verändert, sollte gleichzeitig geklärt werden:

Wer übernimmt künftig welche Verantwortung?

Welche Rolle verändert sich?

Welche Entscheidungen können dezentraler getroffen werden?

Und welche Zusammenarbeit braucht der neue Prozess?

Wer nur die Software betrachtet, übersieht einen wesentlichen Teil der Veränderung.

KURZER SELBSTCHECK

Sind wir bereit, über Software zu sprechen?

Ist klar, welches konkrete Problem die Digitalisierung lösen soll?
Haben wir den heutigen Prozess inklusive seiner Ausnahmen verstanden?
Wissen wir, welche Schritte künftig überhaupt noch notwendig sind?
Sind die Menschen einbezogen, die täglich mit dem Prozess arbeiten?
Sind Rollen, Verantwortung und Entscheidungswege für den zukünftigen Ablauf geklärt?
Leiten sich unsere Softwareanforderungen aus dem gewünschten Prozess ab?

FAZIT

Erst den Prozess verstehen. Dann entscheiden, welche Technik wirklich hilft.

Software kann Unternehmen enorm unterstützen.

Sie kann Informationen verfügbar machen, Routinearbeit reduzieren, Transparenz schaffen und Abläufe beschleunigen.

Aber sie ersetzt nicht die Entscheidung darüber, wie Arbeit sinnvoll organisiert werden sollte.

Wer zuerst Prozesse, Verantwortlichkeiten und tatsächliche Bedürfnisse versteht, kann Technologie wesentlich gezielter auswählen.

Dann wird Digitalisierung nicht zum Selbstzweck.

Sie wird zu einem Werkzeug für bessere Arbeit.

PASSEND DAZU

Weitere Gedanken zu Veränderung und Organisation

VERÄNDERUNG

5 typische Fehler bei Veränderungsprozessen

Warum Veränderungen häufig nicht an der Idee, sondern an Analyse, Beteiligung und Umsetzung scheitern.

Artikel lesen →

ORGANISATION

7 Anzeichen, dass Ihre Strukturen nicht mehr mitwachsen

Woran sich erkennen lässt, dass Rollen, Prozesse und Verantwortlichkeiten nicht mehr zur Unternehmensgröße passen.

Artikel lesen →

FÜHRUNG

Führungskraft und trotzdem ständig im Tagesgeschäft?

Warum operative Überlastung häufig auch mit Prozessen und Entscheidungswegen zusammenhängt.

Artikel lesen →

PROZESSE & DIGITALISIERUNG

Steht bei Ihnen eine neue Software oder Digitalisierung an?

Dann lohnt es sich, vor der technischen Auswahl einen Blick auf Prozesse, Verantwortlichkeiten und tatsächliche Anforderungen zu werfen.

Gemeinsam können wir klären, was künftig besser funktionieren soll und wo Technologie dabei wirklich sinnvoll unterstützt.

Das Erstgespräch ist kostenfrei und unverbindlich.